Pressespiegel

Die letzte Zigarre

Stück in vier Akten von Bengt Ahlfors

(Aus dem Schwedischen von Regine Elsässer)

Es spielen:
Wolfgang von der Burg (Ragnar), Liane Kreye (Anneli), Ulrich Holle (Helge), Merle Brakemeier (Claudia) sowie Katrin Brakemeier (Monika).
Regie: Frank Wiemann
Aufgrund der Coronakrise fand für die Presse die Geisterpremiere am 14. März 2020 im Kulturbahnhof Lemgo statt.

Nach den Erfolgen von „Asche und Aquavit“ oder „Die Suppe wird kalt das ‚Gedächtnis lässt nach“ ein weiteres Gesellschaftsstück von Bengt Ahlfors im Kulturbahnhof Lemgo.

Nur die zahmen Vögel verspüren Sehnsucht. Die wilden – fliegen.
Das ist das Lebensmotto von Ragnar, einem pensionierten Schuldirektor, der seit 42 Jahren mit seiner Frau Anneli verheiratet ist. Er selbst ist nie geflogen, er war zu zahm, nicht mutig und wild genug. Nun ist es zu spät, denkt er. Doch an diesem 31. Mai soll nichts mehr seinen gewohnten Weg gehen. Ragnar schraubt selbst ein wenig an seinem Schicksal, Geheimnisse werden gelüftet und Konflikte ausgetragen. Ragnar sowie Anneli aber auch der beste Freund Helge legen die Karten auf den Tisch…

„Die letzte Zigarre“ ist ein Stück, in dem gezeigt wird, dass es nie zu spät ist, sein Leben in die Hand zu nehmen. Es ist ein Stück Leben, in dem Komödie, Tragödie oder auch Farce entsprechend Platz haben. Sensible Themen, verbrauchte Beziehungen oder Leidenschaft im Alter müssen nicht zwangsweise peinlich oder anstößig wirken.

 

Lippische Landeszeitung (Auszüge) am 16. März 2020

„Stattgespräch“ gibt Geisterpremiere

So klein wie in Coronavirus-Zeiten war das Publikum beim Theater im Kulturbahnhof wohl nie. „Die letzte Zigarre“ 
spielt passenderweise gekonnt mit den leisen Tönen. Mit einem tollen Samstagabend endet die Spielzeit dann vorzeitig.

Von Carolin Brokmann-Förster

Lemgo. Es war eine Premiere unter ganz besonderen Voraussetzungen: In Zeiten des Coronavirus fand nur die Presse am Samstag Einlass in den Kulturbahnhof. Eine „Geisterpremiere“. Auch für die Schauspieler ein einmaliges Erlebnis, so etwas habe es noch nicht gegeben, war sich das Ensemble des „Stattgesprächs“ einig. Doch das sollte ihre Leistung nicht schmälern.

In dem Schauspiel „Die letzte Zigarre“ von Bengt Ahlfors geht es um Beziehungen – wie die von Anneli und Ragnar, seit über 40 Jahren verheiratet. Ihre Beziehung ist gelebt, sie scheinen voneinander geduldet, sind wenig emotional oder gar liebevoll zueinander.
Und der Zuschauer fragt sich: Will ich in 30 Jahren so leben? Man sucht nach mehr in ihrem Verhältnis zueinander. Schimpft Anneli nicht vielleicht auch, weil ihr seine Gesundheit, weil er ihr wirklich noch am Herzen liegt? Ist er nur genervt oder zeigt der ein oder andere Blick nicht doch, dass er ihre Aufmerksamkeit sucht, ja gar genießt?

Und es geht um Geheimnisse – wie das von Anneli und Helge. Sie haben eine Affäre, eine intime Beziehung. Sie sind Seelenverwandte, sagt Anneli, er liebt sie, sagt Helge. Doch es ist auch ein Stück, das von den kleinen Zwischentönen lebt, von den Zweifeln, Wünschen, Sehnsüchten, die bei einem jeden unter der Oberfläche brodeln. Auch hier findet sich der Zuschauer wieder: Anneli will mehr sein als Ragnars Köchin und Putzfrau, will begehrt und geliebt werden. Dies findet sie bei Helge.

Doch er, der verwitwete Pastor des Ortes, steht nicht zu dieser Beziehung, versucht immer alles richtig zu machen. Dieser „miese Hund“, wie Ulrich Holle seine Figur beschreibt, ist hin- und hergerissen zwischen seiner Liebe zu Anneli und dem Betrug an seinem besten Freund Ragnar. Und Ragnar wiederum trauert den vielen verpassten Chancen hinterher. Wollte eigentlich Seefahrer, Abenteurer werden, statt in seiner alten Schule als Direktor zu enden. Hat seine erste Freundin geheiratet, statt sich die Hörner abzustoßen und beneidet allen voran die Schüler, die in die Sommerferien gehen, um ihre Freiheit. Und er schafft sich seine Freiheit für einen kurzen Moment – über eine Lüge.

Regisseur Frank Wiemann gelingt es in seiner Inszenierung der „Letzten Zigarre“ die Zwischentöne, die kleinen Momente unter der Oberfläche zu zeigen. Dabei wird das Stück keinesfalls schwermütig. Im Gegenteil, es spielt mit schwarzem Humor, zeigt die Unsicherheiten und Sehnsüchte der Beteiligten ohne dabei aufgesetzt zu wirken..

Wolfgang von der Burg (Ragnar) und Ulrich Holle (Helge) schaffen es, dem Zuschauer genau diese kleinen Momente unter der Oberfläche, ihre Sehnsüchte und Zweifel zu zeigen. Holle offenbart dem Zuschauer seine Zerrissenheit ganz subtil, aber deutlich, nicht nur über seinen Text, es sind die Blicke, die er Anneli und Ragnar zuwirft. Und auch Wolfgang von der Burg offenbart über diese leisen Zwischentöne, über seine Blicke, Ragnars Unsicherheit. Die zeigt sich nicht zuletzt auch in Ragnars Eifersucht („Ja, das wundert mich selbst.“), als er von der Affäre erfährt.

Beeindruckend auch Liane Kreye (Anneli) und ihre Mimik, die den Zuschauer in wundervoller Art und Weise fesselt. Sie ist verführerisch, verzweifelt, schockiert, aber dabei nicht übertrieben.

Katrin Brakemeier (Monika) gibt eine völlig gestresste Mutter mit Problemen, die nun auch noch mit den Geheimnissen ihres Vaters (Helge) konfrontiert wird – und darüber ins Grübeln gerät. Auch Merle Brakemeier (Claudia) spielt einen wundervoll ehrlichen „rotzigen Teenager“, immer leicht genervt.

Als Nicht-Profis zeigen die drei neben den professionellen Schauspielern Wolfgang von der Burg und Ulrich Holle eine überzeugende Leistung.

Für Frank Wiemann ebenfalls eine Herausforderung, hat er doch vor Jahren als Kleindarsteller am Detmolder Landestheater unter Holle und von der Burg selbst gespielt – und gibt nun die Anweisungen.

Das Schauspiel und die Inszenierung zeigt auf wunderbare Weise ein Stück Leben, wie es hinter vielen verschlossenen Türen sein kann. Und das mit viel Humor, ohne lächerlich zu werden oder mit den erhobenen Zeigefinger zu moralisieren. Es ist eine Gratwanderung zwischen Komödie und Tragödie, die das Ensemble mit Bravour meistert.

Und es vermittelt auch, dass Beziehungen – auch im Alter (denn ja, es hört nie auf) nicht immer einfach, nicht immer nur schwarz und weiß sind.

Ein tolles Stück, das das Leben abbildet mit einer wunderbaren Leistung des Ensembles!…

Denn mit der Premiere hat das „Stattgespräch“ die Spielzeit vorläufig beendet, mit der Hoffnung, „Die letzte Zigarre“ in der nächsten Saison wieder auf die Bühne bringen zu können. Wäre schade, wenn nicht.

Weitere Vorstellungen finden hoffentlich nach der Coronakrise statt.

 

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